stay at home during the corona crisis

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"Meine Covid-Gäste"

Zu Beginn des Corona-Lockdowns wandelte ich unser Wohnzimmer in ein provisorisches Atelier um, für den Fall, dass ich nicht mehr in mein Atelier gehen kann. Nach kurzer Zeit beschäftigte mich nicht nur die Tatsache, dass ich nicht mehr aus dem Haus gehen soll, sondern auch, dass niemand mehr zu mir nach Hause kommt. Niemand, der mich besucht und mir erzählt, wie es geht und was das Leben so tut. Und niemand, der fragt, wie es mir geht und was sich in meinem Leben tut. 

 

Bei meinen täglichen Spaziergängen im Wald nahm ich grosse Äste und kleinere Baumstämme mit, welche auf dem Boden lagen. Aus den Schränken holte ich Tücher: Vorhänge, Bettüberzüge, Tischtücher, Kopftücher, Bettdecken. Mit diesen Materialien modellierte ich meinen ersten Gast. Ich war sehr erfreut über dessen Anwesenheit. Es kamen weitere vier Gäste auf Besuch. Gäste kommen und gehen auch wieder. Deshalb wollte ich sie festhalten. Eine Erinnerung an meine Gäste erschaffen. Festhalten, was ich über sie und mich erfahren habe. Ich begann sie zu porträtieren. 

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Meine Gäste während des Lockdown - Malerei

Das Gasthaus ist ein Gedicht des persischen Sufi-Mystikers Rumi aus dem 13. Jahrhundert.

 

Rumi – Das Gasthaus

Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Depression und Niedertracht –
auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit 
kommt als unverhoffter Besucher.

Begrüße und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist
die gewaltsam Dein Haus
seiner Möbel entledigt.
Selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll
vielleicht reinigt er Dich ja
für neue Wonnen.

 

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu Deiner Führung geschickt worden
aus einer anderen Welt.

2020