Weinende Tücher

Aquarell auf Taschentücher, 2018

Erstarrte Gesichter erscheinen auf Taschentüchern. Farbenreich gemalt, starren die meisten Gesichter mit offenen Augen geradeaus. Die Gesichter scheinen wie auf den Stoff aufgedruckt zu sein und ihre Spuren hinterlassen zu haben.

 

Die Künstlerin Elian Zinner erklärt:

«Taschentücher dienen dazu, die Nase zu putzen. Sie dienen aber auch dazu, Tränen abzuwischen. Das Taschentuch hilft uns, bei Traurigkeit das Gesicht zu verstecken und gibt uns in diesem Moment Schutz und Geborgenheit. Diese Arbeit entstand aus meiner Traurigkeit über die Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen. Religion und Politik werden als Machtmittel missbraucht und übergehen einmal mehr die Würde der Menschen und die Menschenrechte. Das Gesicht verlieren: vor Scham, Schutzlosigkeit und dem Gefühl von Heimatlosigkeit. In dieser Arbeit möchte ich an die Frauen und Mädchen denken, welche Missbrauch und Übergriffe erleben mussten.“ 

Die Taschentücher erinnern auch an das Motiv von Jesus' Schleier, auf dem sein Gesicht zu sehen ist, aber hier ersetzen Frauengesichter das Gesicht des Mannes. An Wäscheklammern aufgehängt, scheinen die Taschentücher gewaschen worden zu sein. So präsentiert die Künstlerin Eliane Zinner auf greifbare Weise einen Prozess, bei dem der Versuch, den Schmerz auf tiefgründige Weise wegzuwaschen, darin besteht, seinen Opfern ein Gesicht zu geben.

Text: Pauline Della Bianca

2020